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20. Februar 2008 - 00:00 Uhr
Auswanderer: Ein neues Leben in den Rockies
von Nikola Dünow
Der Container ist gepackt: Familie Haas geht nach Amerika. Zwei Gemeinden warten.
 
 

Wuppertal. Mit einer Harley über die Route 66 – das war schon immer ein Traum von Daniel Haas. Ihm kommt der 31-Jährige jetzt ein Stück näher und gewinnt noch viel mehr: Ein olympische Skigebiet direkt vor der Tür, ein riesiges Haus mit Kamin und vor allem eine Gemeinde, die es kaum erwarten kann, dass ihr Pfarrer sich endlich um sie kümmert.

„Wir wurden überall mit offenen Armen empfangen.“ Daniel Haas über die neue Heimat

Was klingt wie ein Abenteuer, ist in Wirklichkeit das Ergebnis der Zukunftsplanung zweier Realisten: Daniel Haas, Mirjam Haas-Melchior und ihrer wenige Wochen alte Tochter Marie Sophie wandern in die USA aus, weil sie als Pfarrer in NRW keine Chance auf eine Pfarrstelle haben.

Die Koffer sind längst gepackt, die Wohnung an der Uellendahler Straße leergeräumt. Die Container sind auf ihrem Weg von Wuppertal über Antwerpen und Oakland nach Salt Lake City unterwegs.

Am 1. April beginnt für Daniel Haas die Arbeit für seine beiden Gemeinden in Orem und Provo. Wenige Wochen später, wenn der Container endlich angekommen und das Haus wohnlich eingerichtet ist, kommen Frau und Tochter nach.

„Schon während des Vikariats war mir klar, dass ich mich umorientieren muss“, sagt Daniel Haas. Seine Frau, die Tochter des Vohwinkeler Pfarrers Kurt-Eugen Melchior, ergänzt: „Uns war ziemlich früh klar, dass wir hier keine Chance haben.“

Hintergrund ist die Pfarrstellen-Misere im Rheinland: Rund 500 potentielle Kandidaten bewerben sich auf 30 Stellen pro Jahr. Wer nicht in beiden Examina eine Zwei hat, ist aus dem Rennen. Die Folge: Viele junge Pfarrer zieht es ins Ausland – auch zahlreiche Freunde der Familie suchen ihr Glück außerhalb Deutschlands.

„Allein von meinem Kurs arbeiten heute sechs Kollegen in der Schweiz“, sagt der Pfarrer, der seinen Probedienst an der Thomaskirche in Elberfeld und im Öffentlichkeitsreferat des Kirchenkreis absolviert hat und 1996 mit dem Studium in Wuppertal angefangen hat.

„Unsere Tochter kann vermutlich eher Skifahren als Laufen.“ Mirjam Haas-Melchior

Zuerst hatte sich das Paar ebenfalls nach einer Gemeinde in der Schweiz umgesehen, bald aber stand das Ziel der Auswanderer fest: In die USA sollte es gehen. Im August 2007 unternahmen Haas und seine Frau eine regelrechte Vorstellungs-Tour durch Colorado, Wyoming, Utah und Pennsylvania – Steak-Essen in Cowboy-Country inklusive.

In mehreren Gemeinden hätte Haas direkt anfangen können. Überall wurde das Paar mit offenen Armen aufgenommen. „Das war immer ein gegenseitiges Bewerbungsgespräch“, sagt er. „Jede Gemeinde wollte sich von der besten Seite zeigen.“ Viele Wunden wurden damit geheilt: „Es ist schön, zu erleben, dass es Menschen gibt, die einen haben wollen. Das hat uns gut getan“, sagt Mirjam Haas-Melchior.

Über 500 Pfarrstellen sind in den USA unbesetzt, allein die aktuelle Stelle , die Haas antritt, war zuvor fünf Jahre lang frei. Um 270 Gemeindemitglieder kümmert Haas sich in Zukunft. In den USA sind die Gemeinden freikirchlich über Kirchenmitgliedschaften ähnlich wie bei uns Vereinsmitgliedschaften organisiert und finanziert.

„Dort lerne ich innerhalb der ersten sechs Monate alle Gemeindemitglieder kennen“, freut sich Haas, dass er bald viel Zeit hat, sich um seine „Schäfchen“ zu kümmern. Zum Vergleich: Eine Pfarrstelle in Wuppertal entspricht etwa zehn Pfarrstellen in den USA.

Ihr erster Eindruck von der neuen Heimat in 1700 Metern Höhe, die im Sommer zur Wüste wird und in der im Winter Temperaturen um minus zehn Grad normal sind: Sehr religiös geprägt, idyllisch gepflegt und sauber, keine Spur von Ghettos.

Sehr familienfreundlich habe die Stadt auf sie gewirkt – mit Familiy-Wohngemeinschaften auf dem Uni-Campus und Familiy-Räumen an den Autobahnraststätten.

Daniel Haas hat sich auch schon Ziele für die Zukunft gesetzt: Er will einen Gemeindebrief und einen Internet-Auftritt einführen und sich um die enge Zusammenarbeit der beiden zusammengewachsenen Gemeinden mit insgesamt rund 300000 Einwohnern kümmern.

„Das ist vergleichbar mit der Fusion in Wuppertal – das kenne ich schon“, sagt er. Bei ersten Kennenlern-Gesprächen äußerten die Gemeindemitglieder Wünsche: Eine Bibelstunde und Hausbesuche.

„Unsere Familien sind froh, dass wir in Zukunft nicht von Hartz IV leben müssen.“ Mirjam Haas-Melchior

„Unsere Tochter kann vermutlich eher Skifahren als Laufen“, sagt Mirjam Haas-Melchior, die sich auf den Neuanfang freut, lachend. Langfristig will auch sie wieder als Pfarrerin arbeiten – und die Chancen stehen gut. In vielen Gemeinden werden Pfarrer auf Stundenbasis gesucht.

Dennoch bleibt ein Wermutstropfen, denn Familie und Freunde sind bald Tausende von Kilometern entfernt. Ein kleiner Trost: Video-Telefon-Konferenzen wurden schon geübt und auch die Urlaubsflüge der Großeltern sind gebucht.

Geographie

Neue Heimat Die neue Heimat der Familie Haas-Melchior, die Gemeinden Provo und Oro im Staat Utah, liegen mitten in den Rocky Mountains. Provo liegt etwa 80 km südlich von Salt Lake City (Olympische Winterspiele 2002) und hat rund 111000 Einwohner. Am Sonntag, 24. Februar, wird Daniel Haas in der Thomaskirche verabschiedet.

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